Nopology und Diversity in der Literatur

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Wir kennen das doch alle: Am Morgen in der überfüllten U-Bahn quetscht sich einer so blöd an dir vorbei, ohne was zu sagen. Du bekommst seinen Rucksack ins Gesicht. Autsch!

An dieser Stelle halten wir kurz inne. Was wird passieren?

Es gibt 2 Möglichkeiten, wie du reagierst, möglicherweise 3:

1 - "Rucksacktäter" bittet um Entschuldigung.

2 - Täter rennt weiter, du stehst baff da.

3 - Täter rennt weiter, du ärgerst dich, schimpfst und/oder schreist ihm was nach.

 

Nach welcher dieser 3 Reaktionen fühlst du dich wohl am besten?

Jetzt gibt es wieder 2 Antworten - aber eigentlich nur 1. Welche stimmt, glaubt ihr?

Die 3.?

Hm.

2? Scheidet gleich aus, stimmt's?

Also Reaktion Nr. 1.

Warum?

Halten wir nochmals inne. Jemand schubst dir im Gedränge seinen Rucksack ins Gesicht. Dreht sich um, stößt - vielleicht mit einem kleinen Lächeln - ein "Entschuldigung!" hervor.

Was passiert jetzt wohl?

Na?

Der Großteil der Menschen wird darauf sagen: "Ist okay" oder "Nichts passiert." (Wenn nichts passiert ist, aber davon gehen wir erst mal aus.)

Jetzt fühlst du dich okay, weil jemand registriert hat, was er getan hat und dafür um Entschuldigung gebeten hat - und hoffentlich was für die Zukunft gelernt, um es besser zu machen. ZB. vorher was zu sagen, bevor er sich durchdrängelt.

 

So, und warum erzähle ich das hier, auf einem Autorinnen-Blog übers Schreiben?

Setzen wir an die Stelle des U-Bahn-Dränglers einen Autor. A (nennen wir ihn hier mal so) hat ein Buch geschrieben. Einen Roman. Irgendeine Geschichte, in der zB. zwei Menschen sich verlieben. Zufällig - oder auch nicht - sind es zwei weiße, Menschen - so wie ihr gesamtes Umfeld im Roman. Alle hübsch inländisch wirkend, hellhäutig, hellhaarig, und so weiter. Keine Schwarzen, keine Figuren mit Behinderung, keine Geflüchteten, keine Lesben, Schwulen, was auch immer.

Oder, Beispiel 2: zwei schwule Männer verlieben sich in der Story. Schon besser? Nein. Der eine kleidet sich tuntig und schrill, der andere ist körperlich schwach und fast "weibisch".

Und, woran hakt's bei diesem Beispiel? Sind doch zwei Paradeschwule. Ähm, ja. Genau. Bullshitbingo - Klischeefalle!

Oder: LKW's fahren nur Männer, Frauen stricken oder richten sich hübsch ein.

 

Und jetzt zurück zu den Entschuldigungen.

Wenn eine zunehmend selbstbewusste Leserschaft mal anmerkt, dass man Figuren mit dünklerer Hautfarbe vermisst oder die Repräsentation von Autismus oder Legasthenie, oder dass diese beiden Schwulen eben klischeehaft sind - was passiert dann?

Entschuldigen sich Autorinnen und Autoren hier tatsächlich? Oder sind es erst durch Druck seitens der Leserschaft entstandene Wortmeldungen, die man auch Nopology nennen kann, also Entschuldigungen, die tatsächlich keine sind?

Mal ehrlich: Wenn man schon auf dem Silbertablett von den Bücherfreundinnen serviert bekommt, welche Fehler man vielleicht gemacht hat beim Schreiben - bzw. beim Recherchieren - könnte man dann nicht mal in sich gehen und überlegen, was daran ist an diesem Vorwurf?

Vielleicht erkennt man, dass man tatsächlich faul war beim Recherchieren, oder sich halt nicht genügend Gedanken gemacht hat ... und vielleicht, vielleicht, könnte man dann tatsächlich ein ehrliches "Tut mir leid?" hervorbringen?

Was wird dann wohl geschehen?

Siehe oben? Oder?

 

 

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